RTL-Produzent disst Haftbefehl-Doku: Showdown oder Missverständnis?
Kürzlich meldete sich ein RTL-Produzent zu Wort und zerlegte Haftbefehls Netflix-Doku „Babo“ mit der Aussage, sie sei „total überbewertet“. Diese Ansage schlägt Wellen und zeigt einmal mehr, wie unterschiedlich Welten wahrgenommen werden, wenn es um Deutschrap geht.
Die Netflix-Doku über den Offenbacher Babo ist seit ihrem Release ein heißes Thema und hat die gesamte Szene, aber auch darüber hinaus, in Atem gehalten. Sie zeigt schonungslos Haftbefehls Leben, seine Kämpfe und seinen Weg – ein Film, der tiefe Einblicke gibt, ohne zu glorifizieren oder zu dramatisieren. Für viele in der Szene war das mehr als nur eine Doku; es war ein Blick hinter die Fassade eines Mannes, dessen Musik eine ganze Generation geprägt und eine eigene Sprachkultur etabliert hat. Dass jetzt jemand aus dem traditionellen TV-Kosmos mit dem Finger zeigt und von „Überbewertung“ spricht, ist symptomatisch für das Graben, das immer noch zwischen diesen Welten existiert.
ZWEI WELTEN, EIN DISPUT
Was versteht ein RTL-Produzent, dessen Metier Quoten, Marktanteile und kalkulierte Unterhaltung sind, unter „Erfolg“ oder „Wert“ im Kontext von Haftbefehl? Für die Straße zählt Authentizität, das Unperfekte, die ehrliche Story – auch wenn sie unbequem ist und weh tut. Haftbefehls Drip und seine Musik waren nie auf Hochglanz poliert. Seine Zitate sind roh, seine Beats kompromisslos und seine Erzählungen spiegeln die Realität seiner Hood wider. Die Doku ist kein Tatort, wo jede Szene glattgebügelt wird, um massentauglich zu sein oder eine bestimmte Moral zu vermitteln. Sie ist ein Spiegelbild. Es geht nicht darum, eine Märchenstunde zu erzählen, sondern um die unverfälschte Wahrheit eines Künstlers, der mit seiner Musik Tabus gebrochen hat und dessen Einfluss weit über Chartplatzierungen hinausgeht. Ein solcher Film misst seinen Wert nicht an der Fähigkeit, eine breite RTL-Zielgruppe zu bedienen, sondern an seiner Wirkung in der Kultur.
Wir von 10von10 sehen die Kritik des RTL-Produzenten ganz klar. Wenn ein Produzent, der im System eines großen Senders agiert, eine Doku über einen Künstler aus dem Deutschrap-Underground als „überbewertet“ abstempelt, dann zeigt das vor allem eines: Er hat den Film nicht verstanden oder er will ihn nicht verstehen, weil er nicht in seine Schablone passt. Der Erfolg der „Babo“-Doku bemisst sich nicht an Einschaltquoten für Werbeblöcke oder an einer perfekten Dramaturgie. Er liegt in der tiefen Resonanz, die sie in der Szene findet, an der Diskussion, die sie auslöst, an den Herzen, die sie berührt, und am Respekt, den sie Haftbefehl und seiner komplexen Geschichte zollt. Es ist ein Erfolg jenseits der Parameter, mit denen RTL seine Formate misst. Es ist ein Statement gegen die glattgebügelte Perfektion und für die rohe, ungeschminkte Realität. Vielleicht ist es Neid auf die Authentizität, vielleicht Unkenntnis der Szene, aber es ist definitiv eine Ansicht, die am Kern des Ganzen vorbeigeht. Haftbefehl braucht keine Bewertung von Leuten, die seine Welt nicht checken.
Dieser Diss ist mehr als nur eine persönliche Meinung. Er ist ein Indikator dafür, wie weit die Mainstream-Medien noch immer von der wirklichen Relevanz mancher Szenegrößen entfernt sind und mit welchen Maßstäben sie operieren. Haftbefehl und seine Doku sind ein Phänomen, weil sie echt sind und eine Geschichte erzählen, die es sonst nirgends gibt. Und Echtheit lässt sich nicht in ein RTL-Schema pressen, das auf kalkulierte Unterhaltung setzt.
Was meint ihr? Ist die Kritik des RTL-Produzenten berechtigt, oder zeigt sie nur, wie weit Mainstream und Straße noch auseinanderliegen? Diskutiert mit uns im Forum!