Hall of Fame Steckbrief

Haftbefehl

Haftbefehl ist der unumstrittene Babo des modernen deutschen Straßenraps. Er hat die Szene seit seinem Debüt 2010 revolutioniert, indem er eine bis dahin ungehörte Mischung aus knallharter Authentizität, Drogenstorys und sozialkritischer Melancholie präsentierte. Sein unverwechselbarer, oft genuschelter Slang, der Türkisch, Kurdisch, Arabisch und Deutsch zu einem neuen „Kanak Sprak“ vermischt, wurde zum Jargon einer ganzen Generation. Mit seinem eigenen Label Azzlackz etablierte er eine neue Schule des Straßenraps und wurde zur zentralen Identifikationsfigur des „Lebens ganz unten“.

Warum 10/10?

  • Pionier des modernen Straßenraps: Hat den Sound und die Themen des Genres radikal erneuert, weg von klischeehaftem „Gangsta-Rap“ hin zu einer rauen, ehrlichen Milieustudie.
  • Schöpfer des „Kanak Sprak“: Seine kreative, linguistische Durchmischung und die Verbreitung von Wörtern wie „Babo“ haben die deutsche Jugendsprache nachhaltig geprägt (von der Duden-Aufnahme bis heute).
  • Kultureller Einfluss über Rap hinaus: Er wurde vom Nischen-Rapper zum Pop-Phänomen und zur diskutierten Figur in Feuilleton und Medien, die die Härte des Lebens in den sogenannten „Problemvierteln“ thematisiert.
  • Künstlerische Weiterentwicklung: Von rohen Anfangstagen bis zu den cineastischen Meisterwerken wie Russisch Roulette und den Konzeptalben (Das weisse Album, Das schwarze Album) bewies er eine einzigartige künstlerische Tiefe.

Schlüssel-Releases

  • Azzlack Stereotyp (2010) – Das Debüt, das mit seinem rohen, ungeschliffenen Sound und dem Slang eine neue Ära des Straßenraps einläutete und den Begriff „Azzlack“ etablierte.
  • Chabos wissen wer der Babo ist (2013) – Die Single, die zum Mega-Hit wurde, in den Duden einzog und ihn endgültig zur nationalen Kultfigur und zum Sprachrohr der Straße machte.
  • Russisch Roulette (2014) – Gilt als sein Magnum Opus. Ein düsteres, musikalisches Epos über Kriminalität, Drogen und die Hoffnungslosigkeit, das höchste künstlerische Anerkennung fand.

Typische Lines

  • Azzlack Terrorist, Bitch, ich bin asozial / Fick dich, du Bastard, mein Rap ist Massenmord
  • Komm mal runter, Chab, bleib auf dem Boden / Heb bloß nicht ab, sonst gibt’s Faust in den Magen
  • Schnuff, Schnapp, Tijara – Haftis Ticker-Slang

Einfluss & Legacy

Haftbefehl hat den Deutschrap in den 2010er-Jahren in zwei entscheidenden Aspekten transformiert: Sound und Sprache. Er hat mit seinem Produktionspartner Bazzazian einen düsteren, atmosphärischen, fast cineastischen Sound etabliert, der sich von den amerikanischen Vorbildern emanzipierte und eine eigenständige, europäische Ästhetik schuf.
Sprachlich revolutionierte er das Genre, indem er eine ehrliche Darstellung der multilingualen, migrantisch geprägten Jugendkultur lieferte. Er wird als Identifikationsfigur verehrt, weil er nicht nur von der Straße rappt, sondern sie in all ihrer Komplexität – von Crackküche bis zur Millionen-Villa – authentisch verkörpert. Seine Arbeit bei Azzlackz (mit Artists wie Celo & Abdi, Capo, Hanybal) prägte zudem die „Frankfurter Schule“ des Raps, die bis heute als Referenzpunkt für ungeschönten, technisch versierten Straßenrap gilt. Er wird erinnert als der Mann, der die deutsche Sprache für den Rap neu erfunden und dem Milieu eine Stimme gegeben hat.